karsten
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Krampfartige Erhöhung der Muskelspannung (Spastik)
Geschrieben: 21.08.2006 15:23
Info-Beitrag
Krampfartige Erhöhung der Muskelspannung (Spastik)
Unter "Spastik" versteht man eine erhöhte, die Beweglichkeit erheblich einschränkende Muskelspannung (Tonus). Zudem tritt oft eine Störung der Feinmotorik mit daraus resultierender Ungeschicklichkeit auf. Durch die ständige Muskelanspannung und dadurch ausgelöste Fehl- und Schonhaltungen können heftige Schmerzen entstehen. Die Spastik entsteht wie die Schlaffen Lähmungen (Paresen) dadurch, dass die Muskeln nicht mehr ausreichend vom zentralen Nervensystem angesteuert werden (Enthemmung). Auslöser bei der MS ist eine Läsion im Bereich der oberen motorischen Neuronen (Schädigung der Pyramidenbahn). Spastik entsteht aber nicht nach isolierten Schädigungen der Pyramidenbahn. Es müssen immer andere absteigende Bahnen des sogenannten extrapyramidalen Systems, das normalerweise beständig beruhigende Impulse an den Muskel schickt mitgeschädigt werden (durch Zentralnervensystem-Läsionen), damit der typische spastische Muskeltonus entsteht. Spastik entsteht quasi als Anpassung an die Läsion der absteigenden motorischen Bahnen. Das Symptom kann bereits zu Beginn der MS auftreten, ist jedoch kein typisches Frühzeichen. Im weiteren Verlauf ist es allerdings außerordentlich häufig und betrifft zwischen 60 und 70 % der MS-Patienten, ca. 13 % haben schwere Spastiken. Die Beine sind häufiger als die Arme oder die Rumpfmuskulatur betroffen. Die Muskelspannung kann permanent (tonische Spastik) aber auch abwechselnd (einschießende, phasische Spastik) gesteigert sein. Spastische Automatismen (z.B. akutes Anziehen oder Abspreizen der Beine) kommen besonders bei spinal (Läsion im Rückenmark) ausgelöster Spastik vor. Sie werden durch Angst und psychische Anspannung, vor allem jedoch durch Schmerzen, Berührungen oder Bewegung, z.B. bei der Pflege, verstärkt. Sehr häufig sind auch Infektionen (z.B. Harnwegsinfektionen) oder chronische Verstopfung als Auslöser.
Diese Form der Spastik kann zusätzlich zu plötzlichen massiven Schmerzen führen, unter denen die Patienten vor allem nachts und in den frühen Morgenstunden leiden. Allerdings kann die Spastik auch hilfreich sein, wenn hierdurch ein schlaff gelähmtes Bein stabilisiert wird und der Patient dann doch in der Lage ist, selbständig zu stehen oder zu gehen.
Diagnose
Die Feststellung einer Spastik erfolgt durch eine neurologische Untersuchung, bei der der Arzt z.B. die Muskelkraft und vor allem den Widerstand gegen passive Bewegung beurteilt und bestimmte Reflexe testet. Von Bedeutung sind aber auch die subjektive Einschätzung des Patienten und dessen Angaben zur Beeinträchtigung der körperlichen Funktionen im Alltag. Die Ausprägung einer Spastik verändert sich sowohl im Tagesverlauf, als auch längerfristig. Sie ist von vielen Faktoren (z.B. vom seelischen Zustand) abhängig. Es handelt sich bei allen Messungen daher lediglich um eine Momentaufnahme und sollte deshalb zu verschiedenen Zeitpunkten wiederholt werden. Es gibt diverse Meßmethoden und Skalen (z.B. die Ashworth-Skala und die Penn Spasm Frequency Scale), eine allgemein anerkannte und allen Situationen gerecht werdende Methode gibt es jedoch nicht.
Nicht-medikamentöse Therapie
Krankengymnastik / Physiotherapie
Den größten therapeutischen Stellenwert beim Auftreten von spastischen Beschwerden hat eine intensive, regelmäßig durchgeführte Krankengymnastik auf neurophysiologischer Basis (Vojta, Brunkow, Bobath oder PNF). Durch Muskelübungen oder auch Kälteanwendungen können hartnäckige, schmerzhafte Verspannungen und Versteifungen der Muskulatur verbessert werden. Aufgrund fehlender Studien erfolgt die Auswahl der verschiedenen Therapieverfahren individuell. Spastik ist fast ausnahmslos ein irrreversibles Syndrom und erfordert deshalb eine langfristige Physiotherapie. Anzustreben sind mindestens 2 x wöchentliche Behandlungen à 30–45 Minuten Dauer mit Anleitung zum eigenen Üben. Falls eine Dauertherapie notwendig ist, sollte jeweils nach 4-monatiger Behandlung eine etwa 3-wöchige Phase mit eigener häuslicher Behandlung eingeschoben werden mit dem Ziel, in enger Abstimmung mit dem behandelnden Arzt mehr und mehr auf eigene Übungen überzugehen. In die häuslichen Übungsbehandlungen sollten nach Möglichkeit Angehörige mit einbezogen werden. Im Sinne einer Physiotherapie sind auch das so genannte Repetitive Training, die Forced-use-Therapie, die Laufband-Therapie, der Einsatz motorgetriebener Fahrräder, die Hippotherapie (therapeutisches Reiten) und das aerobe Fitnesstraining von Nutzen.
Versorgung mit Schienen
Eine Dauerdehnung mit Schienen kann eine Spastik erheblich reduzieren. Dynamische Schienen zeigen dabei eine bessere Wirkung als starre Schienen.
Kühlung / Kältetherapie
Die Anwendung von Eistauchbädern der Extremitäten kann Spastiken deutlich reduzieren. Es ist eine ausreichend lange Kühlung erforderlich, um den gewünschten Effekt zu erzielen.
Elektrostimulation
Die (EMG-getriggerte) Elektrostimulation kann die erhöhte Muskelspannung vermindern. Auch mittels spezieller Orthesen mit eingearbeiteten Elektroden kann eine Elektrostimulation erfolgen.
Reflexzonenmassage
In einer kleineren Studie konnte die Wirksamkeit der Fußreflexzonenmassage gezeigt werden.
Elektroakkupunktur
Die Elektroakkupunktur hat ebenfalls eine gewisse Wirksamkeit, diese ist höher als bei einfacher Akkupunktur.
Medikamente
Bei der Behandlung mit Medikamenten muss bedacht werden, dass diese gleichzeitig bestehende schlaffe Lähmungen verschlimmern können. Auch die ungünstige Beeinflussung anderer Symptome durch Nebenwirkungen kann ein Auswahlkriterium sein. Die Dosis muss langsam bis zum Optimum gesteigert werden. Baclofen und Tizanidin sind die zur Zeit am häufigsten angewendeten Medikamente, obwohl es kaum Untersuchungen gibt, die einen Wirksamkeitsvergleich mit den anderen Präparaten zulassen.
Baclofen (Lioresal®)
Tizanidin (Sirdalud®)
Benzodiazepine (Clonazepam, Diazepam (Valium), Tetrazepam)
Dantrolen (Dantamacrin®)
Tolperison (Mydocalm® 50 mg, Viveo® 150 mg)
Gabapentin (Neurontin®)
Levetiracetam (Keppra®)
Cannabinoide (THC, Dronabiol)
4-Aminopyridin
Invasive / Operative Therapien
Botulinumtoxin-Injektionen
Intrathekales* Baclofen
Intrathekale* Triamcinolon-Acetonid-Kristallsuspension (VolonA®, ein Kortisonpräparat)
Intrathekales* Phenol
*Intrathekal: Gabe eines Medikaments in die Rückenmarksflüssigkeit (Injektion oder Pumpsysteme)
Rhizotomien (operative Durchtrennung oder Teilentfernung (= Radiektomie) einer Nervenwurzel, i.e.S. einer Spinalnervenwurzel)
Chordotomien (die operative Durchtrennung (bzw. Elektrokoagulation) der Schmerzbahn (Tractus spinothalamicus) im Vorderseitenstrang des Hals- oder Brustteils des Rückenmarks zur Ausschaltung unbeeinflussbarer (therapieresistenter) Schmerzen
Sehnen-Operationen
Literatur:
Thomas Henze (Herausgeber), Symptomatische Therapie der Multiplen Sklerose, Thieme 2005
Bitte beachten Sie: Bei der Zusammenstellung dieser Informationen handelt es sich nicht um ärztliche Empfehlungen, sondern um eine persönliche Auswertung und Interpretation der in der medizinischen Literatur beschriebenen Erkenntnisse. Inwieweit der Leser sich dieser anschließen mag und Konsequenzen für sein persönliches Handeln daraus zieht, bleibt allein in seiner Verantwortung.
<small>[ Diese Nachricht wurde bearbeitet von: karsten am 18.02.2007 20:53 (Originaldatum 21.08.2006 15:23) ]</small>
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Wunder stehen nicht im Gegensatz zur Natur, sondern nur im Gegensatz zu dem, was wir über die Natur wissen.
(St.Augustin, Apostel von England und erster Erzbischof von Canterbury, ca. 7. Jh.)
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